
Paris Champs-Élysées
102.5 km
Sonntag 25 Juli
Auch wenn der Kampf um das gelbe Trikot bereits gestern entschieden war und feststand, dass Alberto Contador die Tour zum dritten Mal gewinnen würde, stand am letzten Tag nicht nur ein prestigeträchtiger Etappensieg auf dem Spiel, sondern auch noch die Entscheidung in der Punktewertung. Mark Cavendish, der zu Beginn arg gebeutelt war, beendet die Tour mit einem Fanfarenstoß in Form eines fünften Etappensiegs, dem 15. insgesamt in seiner noch kurzen Tourlaufbahn. Im Kampf um das grüne Trikot muss er sich Alessandro Petacchi geschlagen geben, der dank eines zweiten Platzes auf den Champs-Elysées seine 11 Punkte Vorsprung verteidigt.
Verspäteter Start
Der Start erfolgt verspätet, weil die Fahrer von RadioShack beschlossen haben, in Erinnerung an die 28 Millionen Menschen weltweit, die mit einer Krebserkrankung leben, ein schwarzes Trikot zu tragen. Leider ist das Wechseln des Trikots laut Reglement der UCI verboten. Die Rennkommissare brauchen einige Zeit, um Lance Armstrong und seine Teamkollegen dazu zu bringen, ihr übliches Trikot anzulegen, bevor sie ihren Start genehmigen.
Elf Fahrer an der Spitze
Nach dieser Trikot-Wechsel-Dich-Einlage folgt die obligatorische Photorunde und eine kurze Champagnerverköstigung. Das Fahrerfeld ist im Schongang unterwegs und erreicht Paris erst anderthalb Stunden später. Mit der Einfahrt auf den Rundkurs geht die Etappe endlich in ihre entscheidende Phase; die ersten Attacken zeichnen sich ab. Bei km 54 bildet sich eine erste Ausreißergruppe mit Kuschynski (LIQ), Pliuschin (KAT), Riblon (ALM), Augé (COF), Perez Moreno (EUS) und Tjallingii (RAB), aber sie wird trotz der Anstrengungen von Kuschynski schnell wieder zurückgepfiffen. Danach zeichnet sich der nächste Vorstoß bei km 60 mit elf Fahrern ab: Sorensen (SAX), Casar, Roux (OLO), Riblon (ALM), Martin (THR), Kroon (RAB), Knees (MRM), Pauriol (COF), Perez Lezaun (EUS), Hondo (LAM) und Perez Arrieta (FOT) erreichen bis zu 24’’ Vorsprung. Aber das Peloton unter der Leitung der Sprinterteams bewacht aufmerksam jeden Atemzug der Ausreißer.
Cavendish unhaltbar
Schließlich wird die Initiative 5,5 km vor dem Ziel vom Peloton zunichte gemacht, wobei sich HTC-Columbia und Sky besonders aktiv zeigen. Auch für das Team Lampre steht viel auf dem Spiel, denn es gilt die Position von Alessandro Petacchi an Spitze der Punktewertung zu verteidigen. Bei Erreichen der letzten Zielgeraden scheint die Formation Cervélo um Thor Hushovd noch ein Wörtchen mitzureden, aber die Beschleunigung von Cavendish bereitet allen Spekulationen ein Ende. Der britische Sprinter geht rechts vorbei und überlässt es seinen Rivalen, um Lobhuldigungen zu kämpfen. Dank seines zweiten Platzes behält Petacchi das grüne Trikot, das seit 1968 mit Franco Bitossi kein Italiener mehr gewonnen hatte.
„Ich habe die letzte Kurve genommen und kurz danach angefangen zu sprinten. Der Sprint auf den Champs-Elysées unterscheidet sich von allen anderen bei der Tour de France. Hier muss man keine Kräfte mehr schonen, also holt man bis zur Linie alles raus, was man hat. Das habe ich heute gemacht.
Ich bin enttäuscht, dass ich in diesem Jahr nicht das grüne Trikot hole. Ich hatte mich darauf vorbereitet, es zu schaffen; es war eines meiner Ziele für dieses Jahr, aber ich hatte in den ersten Tagen etwas Pech und war nicht mehr im Rennen um das grüne Trikot. Ich habe mein Bestes gegeben, aber ich habe letztlich mit elf Punkten Rückstand verloren. Aber wir haben fünf Etappen gewonnen und können uns darüber freuen, was wir bei dieser Tour erreicht haben.
Gegen das Pech in der ersten Woche konnten wir nichts machen, aber das Team war trotzdem unglaublich stark; ich war das schwächste Glied am Ende dieser Etappen. Dennoch haben sie nie ihr Vertrauen in mich verloren und haben weiterhin die Sprints genauso vorbereitet. Ich habe großes Glück, einer solchen Formation anzugehören, die 100% gibt – egal, was passiert. Und wenn man erstmal gewinnt, kommt das Selbstvertrauen zurück. Und mit dem Selbstvertrauen kommen weitere Siege. So läuft das.“
„Es fühlt sich ganz anders an als bei meinem zweiten Platz 2009. Ich steige aufs Siegerpodest und sehe das gelbe Trikot und mir wird klar, dass es zum Greifen nah war – aber letztendlich ist es doch unerreichbar. Ich hätte es fast gehabt. Ich bin sechs Tage lang in Gelb gefahren und bin mir sicher, dass ich noch mehr erreichen will. Ich habe im nächsten Jahr eine Verabredung mit dem gelben Trikot auf den Champs-Elysées. Ich komme wieder, um es mir zu holen.
Im Moment ist es noch schwierig, alles zu verarbeiten, weil ich noch mitten drinstecke. Mit etwas Distanz sieht man klarer. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass es eine großartige Tour war. Jetzt brauche ich in den nächsten Wochen etwas Zeit, um Abstand zu gewinnen und alles zu verarbeiten.
Ich werde mir keine Wiederholungen anschauen. Ich möchte mich nicht selbst im Fernsehen anschauen – ich bin nicht selbstverliebt. Aber ich muss es auch ein wenig genießen.
Ich werde nicht den 39 Sekunden hinterher trauern. Damit bin ich durch. Es ist komisch, denn gestern nach dem Zeitfahren sagte ich zu meinem Zimmergenossen Nicki [Sorensen]: ‚Wenn ich verliere, dann hoffe ich, dass es 45 oder 50 Sekunden sind.’ Ich sagte ihm, dass ich hoffte, es seien nicht 39 Sekunden. Ich kam nach der Etappe ins Hotel und er sagte mir, dass es 39 Sekunden seien. Was soll’s, es ist vorbei und verloren.
Jetzt weiß ich noch nicht, was sich ändern wird, aber ich es werde es früh genug sehen.“
„Ich stand bei dieser Tour unter enormem Druck, auch körperlich, denn ich war nicht in Bestform. Ich habe sehr viel Selbstvertrauen gebraucht, um mich schwierigen Situationen zu stellen. So haben beispielsweise alle nach der Etappe zum Tourmalet gesagt, dass ich die Tour gewonnen hätte. Aber wir haben gestern im Zeitfahren gesehen, dass die Entscheidung noch nicht endgültig gefallen war. Es ist daher heute für mich eine große Erleichterung. Ich empfinde diesen Moment als Befreiung von all dem Druck.
Die drei Siege sind sehr unterschiedlich. Der erste 2007 war etwas Besonderes, gerade weil es der erste war. Im letzten Jahr war die Gesamtsituation heikel und das hat die Sache schwierig gemacht. Und in diesem Jahr hatte ich schwierige Momente, aber ich konnte auf ein solides Team zählen. Mir wird klar, dass ich jedes Jahr an Erfahrung gewonnen habe. Ich kann ein Team jetzt besser über das gesamte Rennen hinweg leiten.
Ich freue mich, dass ich jetzt diesen Sieg genießen kann, und werde erst einmal lange Urlaub machen.“
Er hielt bereits gestern nach dem Zeitfahren im Ziel die Ansprache des Gewinners und alles, was Alberto Contador nun noch tun musste, um tatsächlich die Tour 2010 zu gewinnen, war, die letzte Etappe abzuschließen. Er überquerte die Ziellinie als 81., die Arme zum Zeichen des Sieges gen Himmel gereckt. Er gewinnt die Tour de France zum dritten Mal!
Mit vier Siegen 2008, sechs 2009 und fünf 2010 ist Mark Cavendish unangefochten der beste Sprinter der Tour. Die TOP 10 der 20. Etappe: 1. Mark Cavendish (GBR) THR 2. Alessandro Petacchi (ITA) LAM 3. Julian Dean (NZL) GRM 4. Jurgen Roelandts (BEL) OLO 5. Oscar Freire (ESP) RAB 6. Gerald Ciolek (GER) MRM 7. Thor Hushovd (NOR) CTT 8. Matti Breschel (DEN) SAX 9. Robbie McEwen (AUS) KAT 10. Daniel Oss (ITA) LIQ
Alessandro Petacchi ist erst der zweite Italiener, der das grüne Trikot bei der Tour de France gewinnt. Er wurde Zweiter auf dieser Etappe, Hushovd Siebter. Cavendish hat den Sprint mit Leichtigkeit für sich entschieden – erneut mit einigen Längen Vorsprung. Aber wie er uns nach seinem Sieg auf der 18. Etappe sagte, „hat er das grüne Trikot auf der ersten Etappe verloren“.
Cavendish hat zum zweiten Mal in Folge die letzte Etappe der Tour de France gewonnen. Er schlägt Petacchi und Dean und holt sich den fünften Etappensieg in diesem Jahr.
Noch eine Kurve und der Sprint kann beginnen. Cavendish kann angreifen, aber Hushovd ist in optimaler Position.