Tagebuch der Etappe

étape 8 - Andorre-la-Vieille Saint-Girons 176.5 km
Sonnabend 11 Juli

Sanchez hat den längsten Atem

Ein anspruchsvoller Anstieg weit vor der Zielankunft, eine zur Vorsicht zwingende Abfahrt und eine lange Flachstrecke. Das Profil der Etappe nach Saint-Girons bot das bevorzugte Gelände von Luis-Leon Sanchez. Der Fahrer vom Team Caisse d’Epargne hängt üblicherweise seine Weggefährten ab, um das Rennen im Alleingang zu beenden. Diesmal hat „Luis“ gemeinsam mit Mikel Astarloza, Wladimir Efimkin und Sandy Casar die letzten 44 Kilometer nach dem Col d’Agnès absolviert. Im Finale hat Sanchez seine ganze Erfahrung ausgespielt, um sich letztlich auf der Ziellinie gegen Sandy Casar durchzusetzen. Der Franzose, der von der Jury für seinen Kampfgeist ausgezeichnet wurde, beendete zum 5. Mal eine Etappe der Tour de France an 2. Stelle.

Angriff von Casar bei km 15

Die Etappe hat mit dem Anstieg zum Port d’Envalira begonnen, der mit einer 23 Kilometer langen Steigung ein ideales Terrain für Angriffe bot. Sylvain Calzati (AGR) hat ab dem ersten Kilometer das Tempo erhöht, gefolgt von Thierry Hupond (SKS). Egoi Martinez (EUS), der ein Auge auf das Gepunktete Trikot geworfen hat, setzte ebenfalls zur Offensive an und überholte dabei die beiden Franzosen. Er zog dabei Paulinho (AST) und Uran (GCE) mit und dann auch Wegelius (SIL). Sandy Casar (FDJ) stieß dann bei km 14 zu dieser kleinen Gruppe und erhöhte bei km 15 nochmals das Tempo.

Angriff von Evans

Im Hauptfeld, das durch die ersten Attacken des Tages bereits erheblich reduziert war, hat Cadel Evans 5 km vom Port d’Envalira zum Angriff ausgeholt und dadurch die Bildung einer Verfolgergruppe ausgelöst. Casar wahrte einen ausreichenden Vorsprung, um den Gipfel in Führungsposition zu erreichen, wurde aber dann bei km 50 von Evans (SIL), Zabriskie (GAR), Efimkin (ALM), Kern (COF) und Martinez (EUS) eingeholt, zu denen dann in der Abfahrt noch Hushovd (CTT), Cancellara (SAX), Flecha (RAB) und Hincapie (THR) stoßen konnten.

Hushovd in GrĂĽn

Besorgt angesichts des wachsendenVorsprungs von Evans, wurde dann von den Fahrern vom Team Astana die Nachführarbeit organisiert, um Druck auf die Ausreisser auszuüben. Diese Bemühungen sollten belohnt werden, als Evans sich mit Kern und Martinez wieder ins Peloton einreihte (km 63). Während Thor Hushovd fleissig Punkte sammelte, um Mark Cavendish das Grüne Trikot abzujagen, wurde die Ausreissergruppe durch neue Talente verstärkt: zunächst Ignatiev (KAT) und LL.Sanchez (GCE), dann Astarloza (EUS) und Rosseler (QST).

Aufgabe von Pereiro

Die Ausreißer haben daraufhin den Col de Port mit einem Vorsprung von 1’40" auf das Hauptfeld in Angriff genommen, in dem ein ehemaliger Tour-Sieger zur Aufgabe gezwungen war: Oscar Pereiro hat am Fuß der Steigung das Rennen aufgegeben. Am Gipfel wies das Peloton einen Rückstand von 2’50" auf die Ausreissergruppe des Tages auf. Der Anstieg zum Col d’Agnès war dann Schauplatz einer ernsthafteren Auseinandersetzung. Von den Ausreissern sollten noch vier Fahrer übrig bleiben: LL.Sanchez, Astarloza, Efimkin und zeitweilig Casar, der manchmal in Rückstand geriet, sich aber nicht gänzlich abhängen ließ.

2’45’’ Vorsprung

Im Peloton wurde der Auswahlprozess von Andy Schleck eingeläutet, der ab den ersten Steigungen die Bildung einer Elitegruppe auslöste. Doch die Anstrengung sollte nicht belohnt werden, wodurch die Ausreisser sich weiter absetzen konnten – und die abgehängten Fahrer, u.a. Nocentini, auf den letzten 4 Kilometern zum Col d’Agnès wieder zur Gruppe der Favoriten aufschließen konnten. Mit 2’45" Vorsprung für die letzten 44 Kilometer bis nach Saint-Girons konnten die Ausreisser an ihre Erfolgsaussichten glauben. 10 Kilometer vor der Zielankunft boten 2’10’’ Vorsprung ein bequemes Polster. Sanchez, Casar, Astarloza und Efimkin gingen dann in die Beobachtungsphase über. Astarloza ging 4,5 km vor dem Ziel als Erster zum Angriff über, doch die Tempoerhöhung von Efimkin 500 Meter weiter sollte länger währen. Der Russe wurde erst auf dem letzten Kilometer gestellt, woraufhin sich ein Sprint zu viert andeutete. Sandy Casar zog 300 Meter vor dem Ziel an, doch Luis-Leon Sanchez, der sich sogleich ans Rad von Sandy Casar geheftet hatte, konnte auf den letzten 100 Metern noch einmal entscheidend zulegen. Die Ankunft des Hauptfeldes mit 1’54" Rückstand führt zu keinerlei Veränderung auf den ersten Plätzen der Gesamtwertung.

 

Luis Leon Sanchez – “Es ist nie leicht …”

Der Sieger der Etappe von Andorra nach Saint-Girons ist zum Ersatzkapitän vom Team Caisse d’Epargne geworden. Die Mannschaft hat die Tour ohne ihren bevorzugten Kapitän angetreten, und dann hat am zweiten Samstag des diesjährigen Rennens auch noch Oscar Pereiro aufgegeben. Doch Luis-Leon Sanchez hat dem Team nun Anlass geboten, wieder an sich selbst zu glauben.


"Es ist so, dass die Tour für unsere Mannschaft wirklich schlecht angefangen hat. Wir haben letztlich Alejandro [Valverde] nicht im Team, aber wir sind professionell genug zu wissen, dass wir einen Sponsor haben, der uns unterstützt. Ich möchte diesen Sieg meiner Freundin und meiner Familie widmen.
Die erste Woche war sehr schwer für mich. Aber jetzt habe ich einen Sieg. Nun werde ich versuchen, stark zu bleiben und ehrgeizig zu sein, da ich der Kapitän der Mannschaft bin.
Wir sind heute ein gutes Rennen gefahren, doch ich war nicht alleine. Ich war in einer guten Ausreissergruppe, und wir haben alle gut zusammengearbeitet. Ich hatte ein bisschen Glück, und nun wird dieser Sieg die Stimmung in der Mannschaft ändern. Das wird zu einer motivierten Atmosphäre führen.
Ich habe mit Astarloza gesprochen, als der Abstand groß war, und ihm gesagt, dass ich ihm den Etappensieg lassen würde, wenn ich das Gelbe Trikot erobern könnte. Ich war im Juni wieder hergekommen, um an der Route du Sud teilzunehmen, die auch zum Col d’Agnès hinaufführte, und ich wusste, dass dies eine Etappe für mich war. Ich hatte das Erlebnis, im letzten Jahr eine Etappe zu gewinnen, und das hat meine Zuversicht gestärkt, doch es ist nie leicht. In der spanischen Tradition würde ich mich in den kommenden Jahren gerne mehr auf die Gesamtwertung konzentrieren. Dieses Jahr bin ich weniger gefahren, um fitter für die Tour zu sein."