
Perpignan
196.5 km
Mittwoch 8 Juli
Nachdem er 2004 sechs Tage lang bei der Tour de France das Gelbe Trikot trug, hatte Thomas Voeckler nach einer arg vom Wind gebeutelten Ausreißeraktion das größte Durchsetzungsvermögen und feiert seinen ersten Etappensieg bei der Grande Boucle ausgerechnet am Geburtstag seines Teamleiters Jean-René Bernaudeau. In der Siegerliste der katalanischen Hauptstadt reiht sich der Franzose hinter Laurent Desbiens (1997) und Pascal Lino (1993) ein. Voeckler, der 5 Kilometer vor dem Zielstrich eine entscheidende Attacke startete, konnte die Verfolger Ignatiev und Timmer, zwei seiner Mitausreißer, abschütteln.
Bei Km 23 sechs Fahrer vorne
Der Japaner Beppu ist zum Auftakt der Etappe besonders unternehmungslustig. Er lotst Geslin (FDJ), Sapa (LAM) und Voeckler (BBO) in einen Ausreißversuch, aus dem er selbst bei Km 10 wieder aussteigt. Stattdessen scheint das Abenteuer auch Ignatiev (KAT), dann Hutarovich (FDJ) und Timmer (SKS) zu interessieren, die ihrerseits attackieren und bei Km 23 den Zusammenschluss herstellen. Anfänglich wächst der Vorsprung der Ausreißer schnell bis auf 9’35’’ bei Km 40.
Astana und Saxo Bank verschärfen Tempo
Die Fahrer von Columbia bereiten der Spazierfahrt bei Km 50 ein jähes Ende. Ihre Tempoverschärfung bringt das Hauptfeld in der Verpflegungszone (Km 88) bis auf einen vernünftigen Abstand von 3’35’’ an die Ausreißer heran. Jetzt wo die Ausreißer anscheinend unter Kontrolle sind, scheinen sich alle mit der Situation anzufreunden. Aber die Aussicht auf die Küstenstraßen, die sich prima für das Schlagen einer Bresche im Fahrerfeld eignen, bewegt die Gemüter schon im Anstieg der Côte des Treilles, wo sich die Akteure von Astana und Saxo Bank rasch an die Spitze des Pelotons setzen.
Gesink stürzt
Das hohe Tempo, das mit der Abfahrt einsetzt, fordert ein erstes Sturzopfer: Robert Gesink. Er trägt Verletzungen am linken Arm und Knie davon. Trotz der Unterstützung durch zwei Teamgefährten fällt es dem niederländischen Bergspezialisten schwer, den Anschluss an das Hauptfeld wieder herzustellen. Beim Erreichen der Küste in Port-Leucate und einem von rechts kommenden Seitenwind wird das Feld vorübergehend in drei Gruppen gespalten. Aber durch die langsamere Gangart der Formation Astana, die das Tempo bestimmt, kann insbesondere Mentschow wieder aufschließen. Dennoch hinterlässt die Spaltung des Pelotons Spuren, da Moreau, Moncoutié und Boonen mit einer ganzen Gruppe 30 Kilometer vor dem Ziel weiterhin 1’ hinter dem Träger des Gelben Trikots zurückliegen.
Ignatiev attackiert zuerst
22 Km vor dem Ziel können sich die Nachzügler wieder in das Peloton einreihen, ausgenommen Gesink und Bruseghin. Die Ausreißer des Tages nutzen die Unentschlossenheit des wieder vereinten Hauptfeldes, um einen Vorsprung von mehr als 1’ zu bewahren. Da die Situation auch 10 Km vor dem Ziel vielversprechend aussieht (1’15’’), pfeifen die Ausreißer auf den Zusammenhalt der Gruppe und beäugen sich kritisch. Ignatiev attackiert zuerst 6,5 Km vor dem Ziel, allerdings ohne Erfolg. Der Vorstoß von Thomas Voeckler 5 Km vor dem Zielstrich sieht von vornherein überzeugend aus. Der Franzose setzt sich 100 Meter von Ignatiev ab, der nur noch das Hinterrad des Kapitäns von Bbox sieht.
Der Schweizer behält das Gelbe Trikot und liegt weiterhin 22 Hundertstelsekunden vor Lance Armstrong.
«Es war ein äußerst hektischer Tag. Bei dem Wind haben wir uns ständig gefragt, was denn so alles passieren würde. Unter diesen Umständen verdrängt man die Angst am besten, indem man vorne mitfährt. Man weiß ja nie, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Jetzt können wir uns Gedanken über den morgigen Tag machen. Wir haben auf eine Entscheidung gedrängt, als wir die Küste erreichten. Das Team war zum richtigen Zeitpunkt da, und wir haben alles gegeben. Das war ein probates Mittel, um die anderen Teams unter Druck zu setzen.»
Der deutsche Fahrer behält das Weiße Trikot des besten Jungprofis
«Es ist eine komplizierte Sache, so zu fahren, dass man das Weiße Trikot schützt, obschon man sich gleichzeitig um die Belange des Grünen Trikots kümmern muss. Im Finale wird immer viel Energie freigesetzt, da besteht dann stets die Gefahr, dass eine Lücke entsteht. Also bleibt man besser vorne und entfernt sich nicht zu weit von der Spitze. Mein jetziger Job ist es, Mark Cavendish zu helfen, und darauf bin ich stolz. Wenn er gewinnt, ist alles perfekt.
Es ist eine tolle Sache, dass ich weiterhin im Weißen Trikot fahre, und ich hoffe, es noch viele Tage lang zu tragen. Auf dem Schlussstück haben wir mit mehreren Teams versucht, Tempo zu machen, aber die Ausreißergruppe war bärenstark. Das war so gar nicht absehbar, denn sie haben den ganzen Tag im Wind verbracht. Die Gefahr besteht aber immer, wenn man eine Ausreißergruppe ziehen lässt. Manchmal sind die Ausreißer stark genug, um es bis ins Ziel zu schaffen.
Der Columbia-Kapitän hat den Sprint des Hauptfeldes, nicht aber die Etappe gewonnen. Er behauptet das Grüne Trikot des Führenden in der Punktwertung und baut seinen Vorsprung aus.
«Ab der Null-Kilometer-Marke war das Rennen heute sehr unruhig. Wegen des Windes wollten sich alle einen Platz ganz vorne sichern, es war ein echter Kampf. Unser Team war stark und konnte sich vorne halten, auch als es eine Tempoverschärfung gab. Keine Mannschaft wollte unbedingt das Tempo anziehen, es wollten nur alle um jeden Preis vorne sein. Und dann wurde es immer schneller!
Am Ende haben mehrere Formationen versucht, richtig Gas zu geben, ohne aber bis ans Limit zu gehen. Doch der störende Gegenwind hat alle Pläne zunichte gemacht, immer wieder ließ das Tempo nach. Mit etwas mehr Unterstützung wäre auch mehr drin gewesen, und wir hätten die Ausreißer vielleicht stellen können. Immerhin gewinne ich den Sprint des Pelotons, wenn auch nicht die Etappe. Zum Glück behaupte ich das Grüne Trikot, das ist ein Trostpflaster.»
Bei seiner siebten Tour-Teilnahme feiert Thomas Voeckler seinen ersten Etappensieg.
«Das ist zweifellos der schönste Sieg meiner Karriere. Darauf habe ich wirklich lange warten müssen. Vor der Tour habe ich micht nicht getraut, einen Etappensieg als mein Ziel auszugeben!
Wenn ich in einer Ausreißergruppe fahre, bewerte ich meine Siegchancen für gewöhnlich sehr positiv. Doch heute habe ich zu keinem Zeitpunkt an meine Chance geglaubt. Zunächst einmal war der Vorsprung doch ziemlich dürftig, und selbst bei einem erfolgreichen Ausreißversuch war mir klar, dass die zwei Fahrer von La Française des Jeux mich beim Spurt abfangen würden. Ohne diesen Wind, der die Verfolger aufgehalten hat, wäre mir der Sieg wohl verwehrt geblieben. Eigentlich habe ich erst 300 Meter vor dem Ziel an meine Chance geglaubt.
Vor fünf Jahren habe ich ebenfalls am Geburtstag von Jean-René Bernaudeau das Gelbe Trikot erobert, und jetzt gewinne ich ausgerechnet wieder an diesem Tag eine Etappe. Ich habe das nicht absichtlich für ihn geplant, doch ist das einfach wunderbar. Mir ist bewusst, dass ich nicht die Möglichkeit habe, eine große Rundfahrt zu gewinnen, deshalb versuche ich mit meinen bescheidenen Eigenschaften Ziele festzulegen. Immerhin war ich Träger des Gelben Trikots, französischer Landesmeister und mit dem heutigen Tage auch Etappensieger bei der Tour.»
1. Voeckler, 2. Ignatiev, 3. Cavendish, 4. Farrar, 5. Ciolek
Der Franzose feiert in Perpignan seinen ersten Etappenerfolg bei der Tour de France.
Voeckler freut sich schon auf seinen ersten Etappenerfolg bei der Tour...
Voeckler ist weiter vorne, 11’’ vor Timmer
Voeckler sieht bereits den Teufelslappen...